Eine Familie, viele Namen
Polyphenole, Flavonoide, Flavanole, Anthocyane, OPC, Catechine, Quercetin: Auf Etiketten und in Artikeln fliegen diese Begriffe durcheinander, als wären es Konkurrenten. Sind sie nicht. Es ist eine einzige Familie, und die Begriffe sind nur verschiedene Ebenen im Stammbaum. Wer die Ebenen kennt, liest jedes Etikett entspannt.
Polyphenole: der Familienname
Polyphenole sind sekundäre Pflanzenstoffe. Pflanzen bauen sie nicht, um zu wachsen, sondern um zurechtzukommen: als Farbstoffe, als UV-Schutz, als Bitter- und Gerbstoffe gegen Fraßfeinde. Chemisch haben alle eines gemeinsam, nämlich mehrere Phenolringe, daher der Name. „Polyphenol“ ist also kein einzelner Stoff, sondern der Familienname.
Der Stammbaum
Flavonoide: der größte Zweig
Fast alle Pflanzenstoffe, die dir auf Etiketten begegnen, sitzen auf diesem Ast. Flavonoide bestehen aus drei Ringen: zwei Phenolringe, verbunden über einen dritten Ring in der Mitte. Wie dieser mittlere Ring gebaut ist, entscheidet über die Untergruppe. Ein Sauerstoff mehr oder weniger, eine Doppelbindung hier oder da, und aus einem Flavanol wird ein Flavonol. Das erklärt auch, warum sich die Namen so ähnlich sind: Es sind Geschwister, keine Fremden.
Die Begriffe, die am meisten durcheinandergehen
Sieben Stolpersteine, einmal sortiert:
- Flavanole, Flavonole, Flavone Ein Buchstabe Unterschied, drei Untergruppen. Flavanole stecken in Kakao und Tee, Flavonole wie Quercetin in Zwiebeln und Äpfeln, Flavone wie Apigenin in Kamille.
- OPC Oligomere Proanthocyanidine sind nichts Neues, sondern verkettete Flavanole: zwei bis zehn Catechin-Bausteine aneinandergehängt. Bekannt aus Traubenkernen und Pinienrinde.
- Catechine und EGCG Catechine sind die Flavanole des Tees. EGCG (Epigallocatechingallat) ist das bekannteste davon, ein Catechin mit angehängter Gallussäure.
- Anthocyane und Anthocyanidine Dasselbe Farbmolekül, einmal mit Zucker (Anthocyan), einmal ohne (Anthocyanidin). In der Pflanze kommen sie fast immer mit Zucker vor.
- Tannine Ein Sammelbegriff für Gerbstoffe, nicht eine Stoffklasse. Kondensierte Tannine sind lange OPC-Ketten, hydrolysierbare Tannine wie Ellagitannine stecken in Granatapfel und Eichenholz.
- Curcuminoide Gehören zu den Polyphenolen, aber nicht zu den Flavonoiden. Zwei Phenolringe, verbunden über eine offene Kette statt über einen Ring.
- Theobromin und Koffein Stecken zwar im selben Kakao und Tee, sind aber keine Polyphenole, sondern Alkaloide. Zwei völlig andere Familien, die nur zufällig in derselben Bohne wohnen.
Woran du sie im Alltag erkennst
Viele Polyphenole kannst du sehen oder schmecken. Anthocyane färben blau, violett und rot, von der Heidelbeere bis zum Rotkohl, der im Essigwasser rot und im Sodawasser blau wird. Flavone und Flavonole sind blassgelb, das lateinische flavus steckt im Namen. Flavanole und Tannine erkennst du am Gaumen: Das pelzige, zusammenziehende Gefühl nach schwarzem Tee oder Rotwein sind sie. Und die Phenolsäuren im Kaffee sorgen für einen Teil seiner Bitterkeit.
Was das für ein Etikett heißt
Je tiefer eine Angabe im Stammbaum sitzt, desto genauer ist sie. „Polyphenole gesamt“ wird mit einer Summenmethode gemessen und fasst die ganze Familie zusammen. „Davon Anthocyane“ oder „davon Flavanole“ benennt einen Zweig. „Davon Epicatechin“ einen einzelnen Stoff.
Kurz gesagt
Polyphenole sind die Familie, Flavonoide der größte Zweig, Flavanole, Flavonole, Flavone, Flavanone, Isoflavone und Anthocyane seine Untergruppen. OPC sind verkettete Flavanole, Catechine die Flavanole des Tees, Tannine ein Sammelname für Gerbstoffe. Wer das einmal gesehen hat, verwechselt die Namen nicht mehr.